Die Aktive Fachschaft Geschichte positioniert sich zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz

In diesem Beitrag erklärt Jana den Hashtag #IchBinHanna und erzählt, warum Hanna sein keine erstrebenswerte Zukunft für sie ist. Die Aktive Fachschaft Geschichte solidarisiert sich mit der Bewegung zur Verbesserung der Arbeits-, Forschungs- und Lehrbedingungen im Mittelbau: Link zu unserem Statement.

Wer aktiv Twitter benutzt oder aufmerksam die Nachrichten verfolgt, ist vermutlich schon auf den Hashtag gestoßen: #ichbinhanna
Wir, die Aktive Fachschaft Geschichte, unterstützen wie viele andere wissenschaftliche Mitarbeiter*innen, Professor*innen und Studierende die Initiative #ichbinhanna und teilen unsere Meinung aus Perspektive der Studierenden.

Zunächst: worum geht es?
2020 haben die Wissenschaftler*innen Dr. Amrei Bahr, PD Dr. Kristin Eichhorn und Dr. Sebastian Kubon eine Protestaktion gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (kurz WissZeitVG) gestartet.

Das Gesetz ermöglicht die Befristung der Arbeitsverträge von wissenschaftlichen und künstlerischen Angestellten in der Qualifizierungsphase, also Angehörigen des Mittelbaus, ohne Nennung besonderer Gründe. Hierbei liegt die Dauer der Anstellung mit befristeten Verträgen bei 6 Jahren, nach einer Promotion verlängert sich der Befristungszeitraum um weitere 6 Jahre. Insgesamt können Wissenschaftler*innen also 12 Jahre lang immer wieder befristete Verträge bekommen, die beispielsweise an Drittmittelforschungen geknüpft sind und deren Laufzeit meist zwischen einem und drei Jahren liegt. Nach Ablauf dieser Zeit müssen sie jedoch eine Festanstellung nachweisen können, sonst bleibt nur, die Wissenschaft zu verlassen. Es hilft nicht, die Uni zu wechseln, das Bundesland – nein, in ganz Deutschland dürfen sie nicht mehr in der Wissenschaft arbeiten. Wie qualitativ die eigene Forschung war, wie exzellent die Lehre, wie hoch das Engagement in der universitären Selbstverwaltung oder in der Wissenschaftskommunikation – all das spielt nicht die geringste Rolle.

Was für ein unsicherer Status das für den eigenen Karriereweg ist, bedarf kaum eines weiteren Hinweises.
Die von Bahr, Eichhorn und Kubon gestartete Aktion #95vsWissZeitVG (95 Thesen gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz) sammelte Thesen, die die negativen Folgen und Effekte des Gesetzes und der befristeten Arbeit aufzeigen sollen. Es wird zudem ein allgemeiner Blick auf die Umstände der Anstellung und die prekären Arbeitsverhältnisse an Universitäten geworfen. Eine umfassende Zusammenfassung oder Inhaltsangabe der Thesen ist in diesem Rahmen nicht zu leisten, hier jedoch stichwortartig einige der wichtigsten Punkte: ernstzunehmende Existenzängste, dauerhafte psychische Belastung, unbezahlte Überstunden und Nachtschichten, Arbeiten bis zur Erschöpfung, schwere Vereinbarkeit von Arbeit und Familie, Pendeln zwischen wechselnden Arbeitsstellen, zu Ende bringen von Forschungsprojekten auf Arbeitslosengeld sowie viele weitere Herausforderungen und Unsicherheiten sind Folgen des Gesetzes.(1) Unter diesen Umständen kann das volle Potential der Wissenschaft nicht ausgeschöpft werden. Der große Rechtfertigungsdruck gegenüber den eigenen Forschungsprojekten und die enorme Abhängigkeit der eigenen Stelle von den Vorgesetzten gefährden zudem die kritischen Arbeits- und Denkweisen von Wissenschaftler*innen.

Im Anschluss an die Aktion wurde im Juni 2021 von den Verantwortlichen der Hashtag #ichbinhanna auf Twitter ins Leben gerufen. Hanna ist die fiktive Protagonistin eines Erklärvideos des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, in dem sie den Zuschauer*innen erzählt, wie sinnvoll und positiv das WissZeitVG ist. Dabei fallen im Video unter anderem Aussagen wie: das Gesetz sei eine Notwendigkeit, um zu verhindern, dass „eine Generation alle Stellen verstopft“.(2) Der Aufschrei war groß – nachvollziehbar, wenn man Wissenschaftler*innen als systemverstopfend darstellt. Das Video wurde mittlerweile vom Ministerium offline genommen.
Unter dem besagten Hashtag teilen Betroffene auf Twitter ihre Meinung von und ihre Erfahrungen mit dem WissZeitVG. Dort sind in den letzten drei Wochen über 60.000 Tweets zum Thema veröffentlicht worden – das Anliegen der Autor*innen hat es sogar in den Bundestag in Form einer aktuellen Stunde geschafft.

Die aktuelle Stunde im Bundestag kann als ernüchternd beschrieben werden. Während Linke, SPD, Grüne und FDP für eine Überarbeitung des Gesetzes und eine Verbesserung der Verhältnisse plädierten, waren sich CDU und AfD einig: Das Gesetz soll so bleiben, wie es ist, die Ursachen der Probleme lägen woanders.(3) Kernargument der Bildungsministerin Karliczek ist, „nicht alle [Promovierenden] können in der Wissenschaft bleiben“.(4) Ein Argument, dass das Thema verfehlt, da nicht alle Promovierende eine universitäre Laufbahn anstreben. Es geht insbesondere um eine Verbesserung der derzeitigen Anstellungsverhältnisse; um die generelle Möglichkeit der Schaffung von unbefristeten oder längerfristigen Vertragsverhältnissen. Laut der Ministerin läge die allgemeine Verantwortung bei den Ländern, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, mit dem Gesetz habe das nichts zu tun. Es könne schließlich keine Dauerstellen für alle geben. (5) Das wurde aber auch nicht gefordert. Die AfD schließt sich der CDU an.(6) Die anderen Parteien sprechen sich alle einstimmig für eine Veränderung der Verhältnisse aus. Die Rede ist von einer Überarbeitung des Gesetzes. Mehr Gelder für die Wissenschaft, eine Erhöhung der Chancengleichheit und Verringerung der Diskriminierung werden gefordert. Bei allen sind diese Ziele in unterschiedlichen Gewichtungen im Wahlprogramm enthalten. Bleibt also die Hoffnung, dass sich in der nächsten Wahlperiode etwas ändert, zum jetzigen Zeitpunkt sieht die CDU leider keinen Handlungsbedarf.

Auch meine Zukunft wird von Hanna bestimmt.

Wenn man sich als junger Mensch entscheidet, eine Laufbahn in der Wissenschaft anzustreben, finden sich dafür nicht viele Anreize. Der Blick in die potenzielle Zukunft ist nicht vielversprechend und von Sorgen begleitet, die Motivation für eine wissenschaftliche Karriere kommt meist ausschließlich über die Faszination für das eigene Fach.
Ich möchte einige Punkte und ihre Verbindung zum WissZeitVG ansprechen, die mich ab dem Moment begleiteten, an dem klar war: Ich möchte später Wissenschaftlerin werden!

Das Gesetz schafft vor allem eins: Planungsunsicherheit. Es gilt allgemeinhin als sehr unwahrscheinlich, eine Festanstellung zu bekommen, wenn dann frühestens ab Mitte 30, bei vielen eher 40. Der Weg in die Wissenschaft kann also auch nur einige Jahre dauern – und dann scheitern. Deshalb der Tipp von allen Seiten: „Hab einen Backup-Plan!“. Für mich ist es das Lehramtsstudium, dem das Referendariat folgt. So könnte ich zur Not als Lehrerin arbeiten. Der Unterschied zu anderen Berufswegen ist hier drastisch: keiner würde einem jungen Menschen, der Manager werden will, empfehlen: „Mach lieber nochmal eine Banklehre, dann hast du ein Backup!“
In der Wissenschaft ist das anders. Um eine stabile Karriere, die zu einem unbefristeten Arbeitsverhältnis führt, aufzubauen, braucht es Glück. Glück ist leider eine unabdingbare Voraussetzung neben einer guten wissenschaftlichen Arbeit. Durch die zeitliche Begrenzung der Befristung fällt es schwer, unbedarft in die Zukunft zu blicken, der zeitliche Countdown ist nicht aus den Augen zu verlieren. Was diese enorme Unsicherheit etwa für die eigene Familienplanung bedeutet, ist offensichtlich.

Neben der generellen Befristung auf die sechs Jahre nach der Promotion sind die verfügbaren Stellen für junge Wissenschaftler*innen meistens auf recht geringe Stundensätze beschränkt, beispielsweise auf viertel- oder halbe Stellen. Viele arbeiten deshalb in mehreren Angestelltenverhältnissen gleichzeitig. Nebenbei noch die Promotion zu schreiben oder eigene Forschung voranzutreiben, ist ein echter Knochenjob. „Solange man in der Qualifizierungsphase ist“, bestätigte mir neulich eine Bekannte, festangestellte akad. Oberrätin: „arbeitet man 100% und bekommt 50-60% bezahlt.“ Also in Sachen Arbeitszeit so lange arbeiten wie der „Brotgewinner“ der Familie, ohne die Familie finanzieren zu können?

Wenn der eigene berufliche Weg bei solch hohen Opfern eine stabile Sicherung der eigenen und familiären Existenz garantieren würde, gäbe es eine andere Ausgangslage für die Diskussion. Auf dem Boden der Tatsachen sieht es aber anders aus. Unser Studienberater fasste es so zusammen: „Viele studieren Geschichte, einige werden eine Doktorarbeit beginnen, weniger werden sie beenden, kaum einer wird eine wissenschaftliche Stelle bekommen, quasi niemand eine Professur.“ Mir fiel schwer das zu glauben, Kommiliton*innen aus höheren Semestern bestätigten jedoch seine Aussage. Neulich empfahl mir ein Freund, meinen „Optimismus doch endlich abzulegen“.
Wer sich nun tiefergehend mit den Arbeitsumständen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auseinandergesetzt hat, wird fragen „Warum geht jemand überhaupt in die Wissenschaft?“ Diese Frage muss jede*r für sich selbst beantworten können, feststeht: ohne intrinsische Motivation geht es nicht, denn die Arbeitswelt hält neben der Forderung nach persönlichen Opfern auch harte Arbeitsbedingungen und keine lukrativen Einkünfte bereit.

Der Protest gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz ist wichtig und längst überfällig. Tragt dazu bei, die Wissenschaft zu einem besseren Ort machen und die Angestellten besser zu behandeln und mehr wertschätzen. Denn es geht auch um unsere Zukunft. Für mich: meine Zukunft. Meine Zukunft ist Hanna, aber ich will nicht Hanna sein.


Anmerkungen und Nachweise:

(1) Siehe hierzu: Zusammenfassung https://www.jmwiarda.de/2020/12/04/die-essenz-der-95-thesen/, Thesen hier einzusehen: https://95vswisszeitvg.wordpress.com.
(2) Das Video ist noch im Webarchiv abrufbar: https://web.archive.org/web/20210611145015/https://www.bmbf.de/de/media-video-16944.html
(3) Vgl. exemplarisch: Bundesministerin Karliczek (CDU): „Liegt das an dem Gesetz, auf das Sie sich gerade alle stürzen? […] Nein, das tut es nicht. Das Gesetz wird zum Sündenbock.“, Deutscher Bundestag – 19. Wahlperiode – 236. Sitzung, Stenografischer Bericht, 24.06.2021, S. 30623 und Dr. Götz Frömming, (AfD): „Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, meine Damen und Herren, regelt also die Befristungen von Arbeitsverträgen […]. Leider werden viele Doktoranden von ihren Professoren ausgebeutet; das ist aber ein Problem, das man auch durch ein Bundesgesetz nicht regeln könnte.“, ebd., S. 30624.
(4) Vgl. Ebd., S. 30622.
(5) Vgl. Ebd., S. 30623.
(6) Bspw. Beitrag von Dr. Götz Frömming, ebd., S. 30624. Auch meine Zukunft wird von Hanna bestimmt.

Links für Interessierte:


Stenografischer Bericht des deutschen Bundestages zur Aktuellen Stunde: https://dserver.bundestag.de/btp/19/19236.pdf
Video des BMBF: https://web.archive.org/web/20210611145015/https://www.bmbf.de/de/media-video[1]16944.html
Internetseite der Initiative #ichbinhanna: https://ichbinhanna.wordpress.com (gesammelte Links rund um das Thema findet ihr dort, ebenso eine Publikationsliste aller veröffentlichten Beiträge zur Debatte)
Internetseite der Initiative #95vsWissZeitVG: https://95vswisszeitvg.wordpress.com
Quintessenz der Thesen: https://www.jmwiarda.de/2020/12/04/die-essenz-der-95-thesen/
Kommentar einer Professorin: https://www.blog.dgsa.de/number-ich-bin-nicht-hanna